Träume
(Die Königin der Blumenmädchen – Teil 2)
Das Erlebnis im Badhaus beschäftigte Barthel noch im Nachgang, und er kam zu dem Schluss, dass er wohl nicht zufällig Zeuge des Geschehens geworden war. Zu ungewöhnlich war doch die Anwesenheit von Vater und Tochter im Badhaus und die vorgebliche Züchtigung gewesen.
Die Inszenierung hatte ihn keineswegs kalt gelassen, und Flordelis hatte dabei eine gute Figur abgegeben und ihre Nacktheit hatte ihn erregt.
Es war ja nicht so, daß er diesbezüglich auf dem Trockenen gesessen hätte, hatten ihn doch schon in den ersten Wochen seiner Anwesenheit in der Stadt eindeutige Angebote liebreizender junger Maiden erreicht.
Dies hatte ihm selbstverständlich geschmeichelt und das ein oder andere Angebot, nächtlings eine Kammer zu besuchen, hatte er durchaus gerne angenommen.
Barthel reizten allerdings gerade Flordelis und Bigela, welche zwar einerseits unübersehbar ein Auge auf ihn geworfen zu haben schienen, andererseits jedoch bisher keine leichtsinnigen Einladungen an ihn ausgesprochen hatten. Er dachte bei sich „das scheue Wild verspricht den höheren Preis“.
Zwar vergnügte er sich gerne mit den drallen Maiden die schon lange keine Jungfern mehr waren, doch nach wenigen Nächten schon war er dann immer ihrer überdrüssig geworden, und wenn er in einsamen Momenten in sich hinein hörte, fand er nur die Gesichter von Flordelis und Bigela vor seinem inneren Auge.
Diese beiden hatten eben nicht nur dralle Brüste, und vor allem Bigela einen verführerischen, wonneversprechenden Hintern, sondern versprachen auch Reichtum hier und Ansehen dort.
Doch wie sollte er sich entscheiden?
Dies beschäftigte ihn einige Tage so sehr, dass es ihn bis hinein in seine Träume verfolgte. Für gewöhnlich konnte er sich seiner Träume nicht erinnern, aber als er eines Morgens erwachte, war dies anders, und er nahm dies als einen Fingerzeig des Schicksals.
Da war er in seinem Traum durch einen wunderschönen Garten gewandert, mit riesigen Blumen, deren betörender Duft immer noch im Raum zu schweben schien, nachdem er bereits erwacht war. Wohlige Wärme hatte ihn im Garten empfangen, und in der Ferne war er eines weißen Pavillons gewahr geworden. Auf diesen war er zielstrebig zugegangen, während er von Vogelgezwitscher begleitet wurde, dass von bunten Vögeln herrührte, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, und welche in ihrem schillernden Gefieder ihm wie eine Hochzeitsgesellschaft vorkamen.
Nähergekommen erkannte Barthel im Pavillon eine in ein rot-schwarzes Brokatkleid gewandete Gestalt, die sich dadurch eindrücklich von ihrer gesamten Umgebung abhob. Auf wenige Schritte herangekommen, wusste Barthel, dass es Bigela war, die ihn mit anmutiger Geste begrüßte, an der Hand nahm, und aus dem Pavillon durch den Garten zu einem nahegelegenen Turm führte.
Ohne Worte öffnete sie eine schwere hölzerne Pforte, und führte ihn aus dem schwülwarmen Garten in einen angenehm kühlen und dunklen Raum im Inneren des Turms. Barthel folgte ihr eine gewundene Stiege hinauf in einen weiteren Raum, in den das Licht des Gartens durch bunte Fenster flutete, und den Raum in warme Farbtöne aus rot, orange und gelb tauchte.
Bigela ging zu einem der Fenster, und öffnete es, und als sie sich wieder zu ihm wandte, stand sie völlig nackt vor ihm.
Barthel stockte der Atem angesichts ihrer plötzlichen Verwandlung: aus dem Dunkel ihrer zuvor getragenen Kleider hin zu ihrer blanken und makellosen Haut, die von dem Farbenspiel der bunten Fenster bald verführerisch rot, und dann wieder unschuldig blass beschienen wurde.
Keine Worte waren bis zu jenem Moment zwischen den beiden gewechselt, und Barthel sah sich außerstande den Zauber auch durch nur einen einzigen Laut zu brechen. Er konnte nur schweigend beobachten, wie die Gestalt vor seinen Augen würdevoll vor ihm auf die Knie ging und ihm eine Peitsche darbot.
Sein Blick gebannt durch die verführerischen Formen Bigelas, konnte sich Barthel nicht erklären, woher so unvermittelt die Peitsche in Bigelas Händen gekommen war, aber er verstand auch ohne Worte, dass es nun an ihm war, diese Peitsche in Empfang zu nehmen. Also nahm er sie ihr aus den Händen, und während er die Peitsche noch betrachtete und ihre zahlreichen langen Lederriemen zwischen seinen Fingern prüfend hindurchgleiten ließ, war Bigela bereits wieder aufgestanden, und hatte sich über einen Tisch gebeugt, dessen Vorhandensein im Raum Barthel ebenfalls bis zu diesem Moment noch nicht aufgefallen war.
Woher auch immer, wusste Barthel in diesem Moment, dass er den Bund zwischen sich und der begehrenswerten Bigela, und damit auch dem Weg einmal oberster Kirchenbaumeisters zu werden, dadurch würde schließen können, indem er Bigela peitschen würde. Damit würde sie sich ihm unterwerfen, alle Wonnen wären sein, und er am Ziel seiner Wünsche.
Er hob seine rechte Hand mit der Peitsche, und …
… in jenem Moment erwachte Barthel und fiel jäh aus seinem Traum als sich zwischen seinen Lenden eine Eruption ergoss, welche einem überschäumenden Fass nicht unähnlich, sich ihre Bahn brach.
Barthel war verwirrt, und den ganzen Tag über beschäftigte ihn sein Traum. War er nicht unlängst zufällig Zeuge einer Züchtigung von Flordelis geworden, und hatte ihren hübschen Hintern dabei beobachten können, wie dieser sich aufregend gerötet hatte? Und nun dieser Traum, bei dem ihm ein so ganz anderer Popo seine Reize dargeboten hatte, so als wollten die Götter für einen Ausgleich sorgen.
Er nahm es als Zeichen des Himmels, welche der beiden Maiden ihm zugedacht sei, und sich der runden, hochweiblichen Formen der nackten Bigela aus seinem Traum erinnernd, fand er sich zufrieden mit dieser Wahl.
Flordelis
Obwohl sich Flordelis ihres Liebreizes und ihres Charmes wohl bewusst war, fürchtete sie doch am Ende die Unterlegene im Wettstreit um Barthel zu sein, und äußerte eines Tages diese Befürchtung auch gegenüber ihrer liebsten Freundin Juta.
„Das ist wohl wahr, dass Bigela am Ende doch das Rennen machen könnte, obwohl du viel hübscher bist. Aber Barthel ist ein ehrgeiziger Kerl, das zeigt schon seine Reise nach Italie. Und er möchte sicher nicht sein ganzes Leben lang nur an zweiter Stelle als Kirchenbauer stehen.“
Doch Juta wusste ihrer Freundin einen Rat: „Du hast doch bestimmt schon von Kundry gehört, der Heilkundigen.“
„Du meinst der Hexe?“ Flordelis zog ein missmutiges Gesicht, so als wollte sie ihrer Freundin Juta einen Vorwurf machen.
„Ich
glaube nicht, dass sie eine Hexe ist, denn sonst würde sie doch schon längst
nicht mehr leben wo wir doch so einen strengen Bischof in der Stadt haben, der
die Ketzer verfolgt und die Hexen brennen lässt. Ich habe aber von Ava gehört,
dass Kundry ihr in genau solch einer Situation, wie deiner,
hat helfen können.
Du weißt doch sicher, dass Ava für Meffridus geschwärmt
hat, welcher sie aber lange Zeit keines Blickes würdigen wollte. Dann aber
haben sie plötzlich doch geheiratet.
Ava hat mir erzählt, dass sie bei Kundry war, und
diese soll ihr dabei geholfen haben, dass Meffridus
sich am Ende unsterblich in sie verliebt hat, und sich gegen alle Widerstände,
insbesondere den Widerstand seines Vaters, der gegen eine Heirat mit Ava war,
durchgesetzt hat.
Wenn das bei Ava gelungen ist, warum soll es nicht auch bei dir gelingen?“
„Du meinst also, ich soll zu einer Hexe gehen, und meine Seele verkaufen?“, fragte Bigela mit einem Blick, der ihr Unwohlsein mit diesem Gedanken mehr als Ausdruck verlieh.
„Ach nein, die Ava hat auch nicht ihre Seele verkauft, sonst würde sie Sonntags nicht so fröhlich und glücklich in der Kirche singen und schon mit dem zweiten Kind von Meffridus schwanger gehen“, beruhigte Juta.
Flordelis war hin und hergerissen zwischen der Aussicht, sich doch gegen ihre mächtige Konkurrentin Bigela durchsetzen zu können, und dem unangenehmen Gefühl, dass Kundry sicher nicht ohne eine Gegenleistung bereit war ihr zu helfen.
Ungute Dinge erzählte man sich von Kundry, auch wenn manche sie wiederum wegen ihrer Heilkunst lobten, die angeblich so manchem Gevatter das Leben verlängert, und so mancher Maid aus dem Kindbettfieber geholfen hatte.
„Wenn du es nicht probierst, dann hast du gleich verloren“, meinte Juta, und nahm Flordelis Hände in die ihren, beteuernd, dass sie durchaus bereit wäre Flordelis bei ihrem Besuch bei Kundry zu begleiten. Sie müssten nur einen Vorwand finden, um aus der Stadt heraus, und in den Wald zu kommen, in dem Kundry ihre Hütte und Wohnstatt hatte.
So fasste Flordelis endlich doch den Entschluss, Kundry zu besuchen, und drei Tage später, hatte sie einen Vorwand gefunden, unter dem Juta und sie sich auf dem Weg zu Kundrys Hütte machen konnten ohne Verdacht zu erregen.
Juta hatte ihr zuvor noch den Rat gegeben, so viele Goldstücke wie möglich mit sich zu nehmen, denn entgegen der ursprünglichen Befürchtung von Flordelis, würde Kundry ihr Können wohl eher gegen handfestes Gold denn einer flüchtigen Seele anbieten.
Die Wanderung zu Kundrys Hütte war Ereignislos verlaufen. Seit die Stadtwache in regelmäßigen Abständen begonnen hatte die umliegenden Wälder zu durchforsten waren Wilderer und Räuber selten geworden.
Noch nie war Flordelis in so einer schäbigen Hütte gewesen, wie jener, in der Kundry hauste. Über und über war der Rum mit Gläsern und Töpfen auf krummen Regalen zugestellt, und in krassem Gegensatz zu den gepflegten Kammern im Haus des Kaufmanns Baldemarus waren die Wände dunkel und der Raum von Düsterheit erfüllt.
Doch Kundry hatte Juta und Flordelis überaus freundlich empfangen, und schnell ihr Vertrauen erlangt, auch wenn Kundry tatsächlich so aussah, wie Flordelis sich schon immer eine Hexe vorgestellt hatte.
„Du
möchtest also eine jungen Mann für dich gewinnen“, sprach Kundry, „und ich soll dir dabei helfen. Das muss ja
ein schwerer Fall sein, da du doch so hübsch bist, und mit deiner Schönheit mit
Sicherheit alle Männer in deinen Bann ziehen kannst. Doch ich weiß, dass es
Gründe geben kann, welche die Sache schwierig machen; die musst du mir gar
nicht erzählen, denn sie tun nichts zur Sache.
Ich denke ich kann dir helfen, doch bevor wir so weit sind, muss sich Deine
Freundin von hier entfernen, und mindestens hundert Schritte zwischen meine
Hütte und sich selbst bringen.“
Flordelis war einverstanden und Juta verabschiedete sich, und versprach hundert Schritte auf dem Weg zurückzugehen, um dort auf Flordelis zu warten.
Dann zündete Kundry einige Kerzen an und verdunkelte alle Fenster, sodass es im schummrigen Raum noch dunkler wurde und es Flordelis richtig unheimlich wurde.
„Du musst dich
nicht fürchten, ich tue dir nichts, doch musst du bei deinem Leben schwören,
dass alles, was du jetzt von mir erfährst, niemals irgend
einer lebenden Seele zu erzählen. Und ich muss dich warnen, denn würdest
du mich verraten, so wäre dein Leben mit Sicherheit verwirkt. Wirst du jedoch
dein Leben lang darüber schweigen, so kann ich dich glücklich machen, und dein Wunsch
nach diesem jungen Mann wird sich erfüllen.
Willst du diesen Weg nun gehen?“
Flordelis zögerte einen Moment, antwortete jedoch dann mit einem erstaunlich festen „Ja“.
Kundry fuhr fort: „Nun muss ich dich fragen, was du mir als Gegenleistung anzubieten hast. Du siehst, ich bin eine arme Frau, die zwar vielen Menschen schon geholfen hat, die aber häufig genug nur bitteren Undank als Lohn empfangen hat.“
Flordelis brachte ihren bescheidenen Schatz aus kleinen Goldmünzen aus der Tasche ihrer Schürze hervor, und legte sie vor Kundry auf den Tisch: „das ist alles was ich habe und dir geben kann, doch mein Vater ist ein reicher Kaufmann, und wenn es gelingt, so werde ich dir ein Vielfaches davon bringen können“.
„Nun …“, sprach Kundry, „… viel ist es nicht, aber du scheinst mir ein ehrliches Mädchen, und auch, wenn mich Viele schon auf spätere Entlohnung vertröstet und mich danach vergessen haben, bin ich bereit, dir zu helfen“.
Daraufhin stand Kundry auf, und verschwand in einem kleinen Nebenraum, den Flordelis zuvor aufgrund der Dunkelheit überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Kurz darauf kam sie mit einer kleinen Phiole zurück in der sich ein wenig Flüssigkeit befand.
Diese Phiole reichte sie Flordelis und erklärte: „hier nimm, du musst den Inhalt in einen Trank mischen und ihn gleichmäßig auf zwei Gläser verteilen. Du und dein Geliebter, ihr müsst gleichzeitig davon trinken. Merk dir das wohl, denn wenn ihr nicht gleichzeitig eure Zungen mit dem Trank in Berührung bringt, kann die Wirkung nicht eintreten. Nimm zum Mischen aber kein Wasser, sondern Wein oder Most, denn Wasser würde lediglich verdünnen, Wein oder Most aber helfen bei der Wirkung.
Zunächst werdet ihr beide keine Veränderung verspüren, aber nach drei Tagen wird dein Auserkorener nur noch Augen für dich haben, und alle anderen Frauen werden für ihn bis zu eurer Heirat bedeutungslos sein.“
Kundry machte eine Pause, und blickte so lange in das Gesicht von Flordelis, bis sie überzeugt davon war, dass jene alles Gesagte verstanden hatte. Dann fuhr sie fort:
„Nun geh, und werde glücklich, und denke immer daran, dass du niemandem von dem Trank und der Phiole erzählen darfst. Die Phiole selbst wirfst du danach am besten in den Fluss, so dass sie niemand mehr finden kann.“
Nach diesen Worten nahm Kundry die Goldstücke und verwahrte sie in einer kleinen Truhe, führte Flordelis zur Tür, und verabschiedete sie.
Alsbald kam Flordelis zu dem Ort, an dem Juta auf sie gewartet hatte. Juta war natürlich neugierig, doch Flordelis wusste eisern ihr Geheimnis zu bewahren, und verriet nichts, außer dass sie zuversichtlich sei, dass Kundry eine Lösung gefunden hatte.
Nun musste Flordelis noch einen Vorwand finden, um mit Barthel gemeinsam den Trank einnehmen zu können, und bald hatte sie sich dazu einen Plan ausgedacht.
Es kam ein heißer und schöner Tag, an dem Flordelis sich entschloss mit einem kleinen Krug voller Most sich zur Baustelle an der großen Kirche der Stadt zu begeben, auf der Barthel für gewöhnlich zu finden war.
Da es unwahrscheinlich sein würde, in Barthels Anwesenheit eine Gelegenheit zu finden, den Trank in den Most zu geben, hatte sie bereits zuvor den Inhalt der Phiole in den Krug geleert und darauf geachtet, dass sein Inhalt genau für zwei Becher reichen würde. So kam sie mit dem gefüllten Krug, und zwei sorgsam in ihrer Schürze verwahrten Trinkbechern an Barthels Baustelle an und fand ihn auch alsbald schwitzend bei der Arbeit.
Wie bewunderte sie doch das Spiel seiner kräftigen Muskeln im Sonnenlicht. Barthel wiederum bemerkte schnell ihre Anwesenheit, und war geneigt seine Arbeit zu unterbrechen und sich mit der schönen Maid zu unterhalten.
Gerne nahm er ihr Angebot an, sich an einem kühlen Most zu erfrischen, den Flordelis als „frisch aus dem Keller“ anzupreisen wusste.
Schon hatte er den Trinkbecher aus ihrer Hand empfangen, und der Most ergoss sich aus dem Krug, der erschien Bigela aus dem Schatten der Kirche, und lief schnell auf Barthel und Flordelis zu.
„Oh, das ist aber freundlich, dass du uns frischen Most gebracht hast“, flötete Bigela, und Flordelis erschauerte über die Art, wie Bigela dies ausgesprochen hatte. Schon war Bigela dabei den Trinkbecher aus Barthels Hand zu reißen, und selbst davon zu trinken, doch Barthel hielt diesen fest, und wies Bigela zurecht: „dies ist mein Trank, wenn du auch etwas möchtest, dann frag Flordelis“.
Diese war ob des Geschehens vor Schreck ganz blass geworden, und brachte nur leise und verlegen heraus „ich habe leider nur zwei Trinkbecher, und von dem anderen habe ich selbst schon getrunken… “, und wie zur Rettung kam es ihr in den Sinn zu sagen, „… lass uns nur beide einen kurzen Schluck nehmen, dann kannst du mit mir kommen, und ich hole dir frischen Most aus unserem Keller und einen Trinkbecher für dich, dann können wir alle gemeinsam trinken“.
„Das ist eine hervorragende Lösung“, meinte Barthel, und erhob seinen Trinkbecher. Bevor Bigela noch Einspruch erheben konnte, schenkte sich Flordelis selbst den Rest des Mostes aus dem Krug in ihren Trinkbecher, und hatte ihn gerade noch rechtzeitig an ihren Lippen, als Barthel schon begann in vollen Zügen den Most zu trinken.
Also war es vollbracht, und da Bigela etwas beleidigt abgelehnt hatte auf einen weiteren Most zu warten, verabschiedeten sich alle drei alsbald voneinander, und für Flordelis begann die Zeit des Wartens.
Flordelis sollte nicht enttäuscht werden, denn tatsächlich entbrannte Barthel nach drei Tagen in unstillbare Liebe zu Flordelis. Bald schon war die Rede in der Stadt, dass Barthel und Flordelis wohl bald zum Traualtar schreiten würden, denn schon hatten sich der Kaufmann Baldemarus mit Barthel über die Einzelheiten der Morgengabe unterhalten, und es schien nur noch eine Frage der Zeit bis das Glück Flordelis vollkommen sein würde.
Das Glück von Flordelis stürzte Bigela ins Unglück, und diese brauchte einige Zeit, um sich wieder zu fassen, vor allem, da sie keine engere Freundin hatte, der sie sich hätte offenbaren können. Da auch ihre Mutter bereits vor einigen Jahren verstorben war, hatte Bigela niemanden, dem sie sich hätte anvertrauen können, und war somit alleingelassen mit sich und ihre Verzweiflung.
In ihrer Not schlich sie sich eines Abends in das Zelt einer Wahrsagerin, die zu einem Fest des Sommers in die Stadt gekommen war. Diese befragte sie nach ihrer Zukunft. Die Wahrsagerin las ihr aus der Hand, und verkündete Bigela, dass sie ein überaus glückliches Weib werden würde, wenn auch nicht auf einem geraden Wege, wie sie es sich wohl gedacht hatte.
Bigela erkannte darin die unglückliche Wendung die es mit Barthel genommen hatte, wo doch alles so geradlinig auf sie zugelaufen war, und dann mit einem Mal Flordelis an ihr vorbeigezogen war. Gleichzeitig schöpfte sie jedoch Hoffnung, dass noch nicht alle Würfel endgültig in dieser Sache gefallen waren.
„Aber wenn der Weg nicht geradeaus führt, wie erkenne ich dann, wohin ich gehen muss? Ich weiß mir aktuell keinen Rat, wie ich mein Ziel noch erreichen könnte?“, fragte Bigela die Wahrsagerin.
Diese bot verschlagen an für ein weiteres Goldstück ihre Zauberkugel zu befragen, freilich mit dem Hinweis darauf, dass es keine Garantie gäbe, dass die Zauberkugel ihr in aller Ausführlichkeit auch würde antworten können.
Bigela war alles recht, was sie auch nur im Entferntesten weiterzubringen versprach, und da der Kirchenbaumeister seit dem Tod ihrer Mutter Bigela das Geld des Haushalts verwalten ließ, hatte sie kein Problem damit noch weiteres Geld auszugeben, wenn sie damit nur ihrem Ziel näher kommen würde.
Also befragte die Wahrsagerin ihre kristallene Zauberkugel, und verschwand dazu unter einem dunklen, samtenen Tuch, so dass Bigela nicht sehen konnte, was unter dem Tuch zwischen Wahrsagerin und Kristallkugel vor sich ging.
Es vergingen einige Momente, bevor die Wahrsagerin wieder unter dem Tuch hervorkam und sprach: „mein liebes Mädchen, ich sehe einen Weg den du gehen kannst, aber du musst ihn ohne Furcht gehen, und du musst ihn alleine gehen“.
Dann zeichnete die Wahrsagerin einen Weg auf ein Pergament, welches sie Bigela übergab, und erklärte, aus welchem Tor der Stadt sie in welcher Richtung gehen müsse, um jemanden zu finden, der ihr mit Sicherheit weiterhelfen könne.
Erleichterung machte sich in Bigela breit, und sie drückte das Pergament an ihr Herz. Dann verabschiedete sie sich von der Wahrsagerin, froh darüber, endlich einen Weg aufgezeigt bekommen zu haben.
Bigela war schon immer sehr unabhängig und selbstständig gewesen, und nach dem Tod ihrer Mutter hatte der Kirchenbaumeister ihr weitgehend freie Hand gelassen. So war es ihr ein Leichtes sich bereits am nächsten Tag auf den Weg zu machen, der auf dem Pergament aufgezeichnet war, und nach etwa zwei Stunden der Wanderung über verschiedene Pfade kam sie an der Hütte der Kundry an.
Sie klopfte an der Tür, und wurde von Kundry freundlich mit den Worten empfangen: „ich habe dich schon erwartet Bigela. Frage mich nicht woher ich weiß, was du wünschst. Es ist alles schon bereitet. Als einziges musst du noch einen Schwur tun.“
Und damit nahm Kundry auch Bigela das Wort ab, bei ihrem Leben niemandem zu erzählen, dass sie von ihr eine Phiole mit einem Trank erhalten hatte der, wenn er gleichzeitig von einem Paar getrunken, dazu führte, dass dieses sich unsterblich ineinander verlieben, und alle anderen Menschen um sie herum bedeutungslos werden würden.
Die Vorhersehung schien Bigela den Weg geebnet zu haben, und sie konnte es zunächst gar nicht fassen. Auf dem Heimweg versicherte sie sich immer wieder, dass es kein Trugbild gewesen und dass die kostbare Phiole noch immer bei ihr war.

Das es ihr gegeben sein würde doch noch das Herz von Barthel zu erobern, schien für sie auch dadurch bestätigt zu werden, dass es sich als leichter erwies, mit Barthel in eine Situation zu kommen bei welcher sie beide den Trank zu sich nehmen konnten, als sie es sich gedacht hatte.
Tatsächlich war es ihr Vater, der alte Kirchenbaumeister selbst, welcher eines Abends seine Handwerker und Knechte um sich versammelte, und seine Tochter bat, allen Anwesenden einen Trank zu bereiten, da ein bedeutender Baufortschritt an der Kirche zu feiern war.
Schnell hatte Bigela die Phiole zur Hand, und da sie es war, welche die Becher füllte, und reihum den Anwesenden überreichte, konnte sie geschickt den mit dem Trank versetzten Becher Barthel in die Hand geben, von dem sie ja inzwischen wusste, dass er einen Becher, den er einmal in der Hand hatte, nicht wieder hergeben würde.
Sie selbst nahm sich das Gegenstück, und als es soweit war, dass alle ihre Becher zur Feier erhoben, war es vollbracht, und Barthel und sie leerten ihre Becher in einem Zug.
Doch ganz anders als erwartet ergab sich eine unmittelbare Reaktion von Barthel, der im nächsten Moment in sich zusammensank, und plötzlich begann in wirren Worten zu reden, so dass niemand ihn verstehen konnte.
„Was hat er?“, erschrak der Kirchenbaumeisters
„Ist das italienisch, was er da von sich gibt?“, fragte einer der Knechte.
„Ist er betrunken?“, bemerkte ein anderer.
„Wir haben doch eben erst begonnen zu feiern?“, entsetzte sich Bigela.
So gingen die Stimmen alle durcheinander, denn alle waren verwundert, dass dieser starke Kerl so plötzlich und anscheinend ohne fremde Einwirkung zu Boden gegangen war.
„Ruf den Medicus Uhlebule“, befahl Bigela einem der Knechte und beugte sich über den wirr redenden Barthel. Doch noch bevor Doktor Uhlebule herbeieilen konnte, war Barthel eingeschlafen, ganz so wie ein fröhlicher Zecher einschlafen würde, wenn es doch des Weins oder des Mosts zu viel gewesen war.
„Sicher hat er zu viel getrunken“, versuchte der Doktor die besorgte Bigela zu beruhigen, „heute war es heiß, und an solchen Tagen kann auch wenig schon vieles bewirken. Warten wir ab, wie es ihm morgen geht, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hat,
Doch auch am nächsten Tag war es nicht anders, und es schien, als sei Barthel blöde im Kopf geworden. Auch Doktor Uhlebule wusste sich nicht anders zu helfen als zu raten weiter abzuwarten ob sich der Zustand von alleine legen würde.
Es verging eine Woche, und es verging eine weitere Woche, doch am Zustand von Barthel änderte sich nichts.
Nicht nur seine Verlobte Flordelis war verzweifelt, sondern auch Bigela machte sich größte Vorwürfe, und verstand die Welt nicht mehr. War Barthels Zustand doch unmittelbar eingetreten, nachdem er aus dem Becher getrunken hatte, den sie ihm gereicht hatte. Wie schnell konnten daraus Gerüchte entstehen, und Bigela ahnte, dass es nicht lange dauern würde, bis das einfache Volk das Unerklärliche mit Hexerei in Verbindung bringen würde.
Noch war es ruhig in der Stadt und Bigela wunderte sich, dass Flordelis nicht schon längst Anklage erhoben hatte.
Sie konnte nicht wissen, dass Flordelis bereits mit dem gleichen Gedanken gespielt, und sich in ihrem Kummer ihrer Freundin Juta anvertraut hatte. Diese hatte sie aber ihrerseits daran erinnert, dass dies ein Spiel mit dem Feuer sein konnte, würde irgendwie dabei herauskommen, dass Flordelis selbst in Verbindung mit der Hexe im Wald gestanden hatte. Man konnte nie wissen wer in der Stadt etwas beobachtet hatte und wusste, und stand der Vorwurf der Hexerei einmal im Raum, konnte sich dieser in alle Richtungen wenden.
Flordelis war besonnen genug diesem Feuer keine Nahrung zu geben, und zog sich in ihre Trauer zurück.
Bigela aber fürchtete dass, sollte sich Barthels Zustand nicht bald bessern, die Gerüchte unvermeidlich werden würden, und dass sie deshalb schnell würde handeln müssen. Denn waren die Dinge erst einmal in Gang gekommen, würde es kein Halten mehr geben, und der Strom der Ereignisse würde sie mit sich fortreißen ohne die Chance einer Gegenwehr.
Also machte sich erneut auf den Weg zu Kundry, um diese zur Rede zu stellen, was für einen teuflischen Trank sie ihr da gegeben hatte.
Kundry war zunächst ratlos, hörte sich jedoch ruhig alle Beschimpfungen von Bigela an. Als sich Bigela ein wenig beruhigt hatte, fragte Kundry sie über alle Umstände des Geschehenen aus, und wollte von Bigela alles wissen, was diese über ihren Liebsten, den sie zu gewinnen gesucht hatte, zu berichten wusste.
Bigela erzählte daraufhin wie Barthel in die Stadt gekommen war, und wie sich der Wettstreit zwischen ihr und ihrer Kontrahentin entwickelt hatte. In Kundry kam ein Verdacht auf, und sie ließ sich von Bigela in allen Einzelheiten das Aussehen und Auftreten der Kontrahentin beschreiben. Aus dieser Beschreibung wurde Kundry mit einem Male klar, dass es sich bei der Kontrahentin nur genau um jenes Mädchen handeln konnte, welchem sie vor einiger Zeit den Trank ebenfalls überlassen hatte. Also hatten beide Mädchen um den gleichen Mann gebuhlt und ihm auch den Trank verabreicht.
Dass der Trank, wenn er in dieser Art und Weise angewandt wurde, zu solch einer Katastrophe führen würde, hatte sie nicht bedacht, auch wenn sie ihrerseits von ihrem Zaubermeister Klingsor vor langer Zeit davor gewarnt worden war den Trank mehr als einmal in zwölf Monaten zu verwenden und auf keinen Fall zweimal dem gleichen Menschen zu verabreichen.
Das hatte Kundry aber über die Jahre vergessen, war es ja auch ein ganz unwahrscheinliches Zusammentreffen, das sie den Trank an zwei miteinander konkurrierende Maiden geben würde.
Nun musste Kundry einsehen, dass es nun doch nicht so unwahrscheinlich gewesen war, dass sich zwei Weiber in den gleichen Mann verliebten, und dann auch noch ihre Kunst in Anspruch nehmen würden.
Jetzt war ihr klar, dass Barthel natürlich hatte verrückt werden müssen, wenn nun in seinem Kopf die Liebe gleich zu zwei so unterschiedlichen Frauen entbrannt war.
Auf der einen Seite die elegante Flordelis, die wie ein Frühlingstag erschien, und auf der anderen Seite ein robustes Weib wie Bigela, deren hochweibliche Formen jeden Mann um den Verstand bringen konnten.
Nun war guter Rat teuer, und Kundry versuchte Bigela so gut als möglich zu beruhigen, und darauf zu vertrösten, dass sie schon einen Weg finden würde, um Barthel wieder zu heilen.
Doch Bigela war immer noch wütend, teils auf sich selbst, vor allem aber auf Kundry, und drohte dieser sie als Hexe anzuzeigen wenn sie nicht schnellstens einen Weg finden würde um Barthel wieder gesund zu machen und in ihre Arme zu bringen.
„So wie die Dinge stehen, würde es dir nichts nutzen
mich anzuschwärzen …“,
erwiderte Kundry trotzig, „du würdest neben mir
brennen, wie diese Flordelis auch, und niemand außer
dem Henkermeister hätte etwas davon.
Ich kenne dessen Träume, und glaube mir, er würde mit Freuden seine Peitsche an
deinem hübschen Hinterquartier austoben lassen.
Geh nach Hause und gib mir eine Nacht Zeit und Ruhe. Ich werde dir eine
Nachricht zukommen lassen, wenn ich einen Weg gefunden habe – sei unbesorgt.“
Libertineros 2021, 2025
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