Die Herrin

(von Libertineros)

Als Jean-Baptiste Vianney nach seiner Versetzung nach Courcelles-sur-Meuse sich mit Hilfe seines Glaubens aus seiner tiefen Depression herausgearbeitet hatte, hatte er begonnen, die armseligen Liegenschaften seiner neuen Pfarrei aufzuräumen.

In den letzten Jahrzehnten waren immer mehr junge Leute aus dem Dorf weggezogen, und die Alten hatten sich nur spärlich um die Anwesen kümmern können. Außer der kleinen steinernen Kirche aus dem siebzehnten Jahrhundert gab es noch eine kleine Kapelle auf einer Anhöhe und eine baufällige Scheune die zur Pfarrei gehörten. Die Scheune war bis unters Dach gefüllt mit alten Möbeln und allerlei schon seit Jahrzehnten, vielleicht sogar seit Jahrhunderten, angehäuften Gegenständen die niemand sich getraut hatte entrümpeln.

Jean-Baptiste war völlig auf sich allein gestellt denn von den spärlichen Zuwendungen seiner Gemeinde konnte er noch nicht einmal eine Haushälterin bezahlen. Und selbst wenn er das Geld hätte aufbringen können, jemanden für wenige Stunden der Woche zu seiner Unterstützung zu gewinnen, so hätte er im Dorf und seiner Umgebung doch niemanden gefunden, der sich seiner angenommen hätte. Denn wie bereits erwähnt, war das einsam gelegene Dorf überaltert, und die wenigen alten Menschen, die noch darin lebten, waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt als dass sie ihren Priester hätten unterstützen können.

So hielt er die heilige Messe meist nur vor ganz wenigen Besuchern der Kirche ab, und Gottesdienste in der Kapelle auf dem Berg hatte er ganz aufgeben müssen, da niemand mehr den beschwerlichen Weg nach oben gegangen war. Keine guten Aussichten also. Und wie bedrückend die Situation war, zeigte sich auch daran, dass die Orgel schon viele Jahre lang nicht mehr erklungen war, und inzwischen wahrscheinlich nicht einmal mehr funktionierte.

Wie anders war das doch in seiner vorherigen Pfarrei gewesen, wo drei wohlhabende Fabrikanten seine Gönner gewesen waren. Allerdings nur bis zu jenem Zeitpunkt, wo vor aller Augen sichtbar geworden war, dass ihr Priester den Verlockungen der Sünden die im Internet lauerten anheimgefallen war.

Ein Rotzlöffel von Ministrant, dem er einmal wegen ungebührlichem Benehmens eine Ohrfeige verpasst hatte, hatte sich an ihm gerächt indem er sich Zugang zum Computer von Jean-Baptiste verschafft hatte, und den Inhalt nicht nur den Fabrikanten, sondern auch der ganzen Gemeinde gegenüber offengelegt hatte.

All jene Bilder welche doch eigentlich im übertragenen Sinne nur die Lust an den Leiden Christi in die Sprache der Neuzeit übersetzten, und die er mit Leidenschaft gesammelt und verinnerlicht hatte. Bilder von gepeitschten Männern und – ja, auch Frauen - nackt und bloß, erregend und doch das Sinnbild der durch Schmerzen zu erlangenden Vergebung, nach dem Vorbild des Herrn - zumindest so wie es Jean-Baptiste empfand.

Dass er dabei eine ausgesprochene Vorliebe für von roten Striemen gezeichnete weiblichen Popos gezeigt hatte, wollte so gar nicht zu seinen regelmäßig durchgeführten Selbstgeißelungen passen. Diese, seine Bußfertigkeit und seine Leiden, hatte das Offizialat ihm sogar wohlwollend als tatkräftige Nachfolge Christi positiv anerkannt, Doch die expliziten Darstellungen in den Bildern auf seiner Festplatte ließen dem Offizialat keine Wahl als ihn aus seiner Gemeinde herauszunehmen, und an einen Ort zu versetzen, wo niemand ihn kannte.

Und nebenbei hatte dieser neue Ort, obwohl er nur eine dreiviertel Autostunde von der nächsten größeren Stadt entfernt lag, auch keinen brauchbaren Internetanschluss, und somit war auch die Möglichkeit eines Rückfalls stark eingeschränkt.
Wer wollte auch in diesem abgelegenen Dorf voller alter Menschen das Internet benutzen – und für was.

Das also war Jean-Baptiste Vianneys Vorgeschichte, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als in seinem Leben aufzuräumen. Dabei half ihm, sich um die verwahrlosten Liegenschaften zu kümmern und das Gerümpel in Ihnen zu sortieren.

Viele Tage hatte er in den Kellern der alten Kirche verbracht, und manches Feuer im Pfarrgarten loderte aus längst vergammelten Objekten, von denen schon lange niemand mehr wusste, warum sie überhaupt aufgehoben worden waren.

Doch in der großen Scheune hatte er noch etwas anderes vorgefunden, dass ganz offensichtlich nicht zu der ärmlichen Situation seiner Gemeinde passte. Unter großen Leinentüchern verborgen hatte er einen altarähnliches Möbelstück vorgefunden, das mit kunstvollen Schnitzereien und Gemälden einen völlig anderen Ton setzte, als die karge Ausstattung, welche die Kirche des Dorfes selbst aufwies.

Nun war es nicht unüblich, dass ältere Altäre auch in der Vergangenheit neuerem Zeitgeist weichen mussten, und man diese aus Ehrfurcht nicht einfach der Vernichtung anheim gab, sondern in irgendwelche Keller oder Scheunen einlagerte. Doch war es für Jean-Baptiste kaum vorstellbar, dass dieser kunstvolle Altar jemals in der kargen Kirche seiner neuen Pfarrei gestanden hatte, zumal seine Form, von den Schnitzereien und den Gemälden abgesehen, eher untypisch war.

Im Dorf selbst konnte ihm niemand Auskunft geben, und vorsichtige Nachfragen in der Diözese nach dem möglichen geschichtlichen Hintergrund liefen ins Leere. Wobei Jean-Baptiste sich bewusst bei der Beschreibung des Möbelstücks zurückhielt, denn auf einigen der Gemälde des Altars waren Szenen zu sehen, die durchaus mit jenen vergleichbar waren, die zu seiner unrühmlichen Versetzung geführt hatten. Auf keinen Fall wollte er erneut negativ mit bildlichen Darstellungen in Zusammenhang stehen, die zweideutig interpretiert werden konnten.

So erkundete er ein ums andere Mal den Altar und schließlich fand er ein verborgenes Fach, in dem alte Dokumente lagen. Um diese lesen zu können musste er zunächst die alte Schrift erlernen, wozu er sich ein Buch in der Bibliothek der Stadt besorgt hatte.

Zu seiner Enttäuschung waren viele Dokumente reine Kirchenbürokratie längst vergangener Tage und vergessener Menschen. Doch nachdem er etwa zwei Drittel der Dokumente durchgearbeitet hatte, stieß er auf den Brief eines Namensvetters: Ein Jean-Marie Vianney schrieb darin, dass der „Chevalet de Douleur“ nun endgültig aus seinem Haus gebracht und in die Obhut des gottesfürchtigen Priesters Balley übergeben sei. Weitere Hintergründe, wurden nicht genannt, nur das Priester Balley für sein strenges Bußleben gewürdigt wurde. Als Anhang des Briefes lag noch eine Art Pflegeanleitung für den Altar bei, jedoch keinerlei Erwähnung, wer dieses Werk geschaffen, die Skulpturen geschnitzt oder die Bilder gemalt hatte.

Blieb auch die Herkunft im Dunkeln, so sah es Jean-Baptiste als Zeichen an, dass sein Auffinden des „Chevalet de Douleur“ ein Hinweis seines Herrn und Gottes war, seine eigene Bußtätigkeit wieder aufzunehmen.  Und nochmals weiter bestätigt wurde er darin durch die auf seinen Fund folgenden Geschehnisse.

Denn einige Tage nachdem er den Brief hatte entziffern können, war in der Abendmesse plötzlich eine junge Dame in einer der vorderen Kirchenbänke aufgetaucht, die auch an den folgenden Abenden dort erschien. Das Gesicht unter einem schwarzen Schleier verborgen machte sie den Eindruck einer trauernden Witwe. Jean-Baptiste machte mehrfach den Versuch sie als neues Mitglied seiner Gemeinde zu begrüßen, doch kaum hatte er seinen Schlusssegen beendet, war die geheimnisvolle bereits auf dem Weg nach draußen.

Von Josette Bavasser, einer noch rüstigen Witwe, von der er zuweilen etwas Gemüse kaufte, wenn sein eigener Gemüsegarten gerade nichts hergab, erfuhr er, dass diese Dame die „Ferme du Couteau“ gekauft hatte, ein Gehöft etwa 5 km entfernt hinter dem Wald verborgen. Man munkelte davon, dass es renoviert und zu einem Hotel umgebaut werden sollte, doch nichts Genaueres konnte Jean-Baptiste erfahren.

Die Offenbarung seines Herrn, beziehungsweise der junge Dame erfolgte dann erst einige Wochen später. In der Zwischenzeit hatte Jean-Baptiste Vianney den Altar zerlegt, und im Keller des Pfarrhauses, wo er eine kleine Werkstatt unterhielt, aufgebaut und teilweise restauriert. Hierbei hatte er sich an die umfangreichen Hinweise zur Pflege des Altars aus dem Briefdokument gehalten, und bald glänzte der „Chevalet de Douleur“ in neuer Pracht.

Immer deutlicher wurde seine Zweckbestimmung, nicht nur als Ort der Anbetung, sondern als unterstützendes Werkzeug der Buße: im Grunde war der Altar um eine Strafbank herum gestaltet, welche den Delinquenten einer Züchtigung in eine vorteilhafte Körperhaltung zwang. Vorteilhaft wohl vor allem für den Züchtiger, doch durch eine geschickte Polsterung an bestimmten Stellen durchaus auch für den Delinquenten selbst, dem während seiner Buße die erbaulichen Darstellungen des Leidens Christi vor Augen geführt wurde.

Die Besuche der geheimnisvollen Dame in Schwarz waren in diesen Wochen seltener geworden, doch eines Tages erschien sie in einem Bußgottesdienst. Wie stets nach dieser Messe begab sich Jean-Baptiste Vianney in den Beichtstuhl, und war nicht wenig überrascht, dass die geheimnisvolle sich alsbald bei ihm einfand.

Juliette de Launay, wie sich die geheimnisvolle Dame ihm gegenüber vorstellte, beichtete eine Reihe Verfehlungen, die Jean-Baptistes Seele in Aufruhr versetzte, und ihn mit wachsender Unruhe ihren Ausführungen zuhören ließ. Schließlich auch offenbarte sie ihm das wahre Ziel der Renovierungsarbeiten an der „Ferme du Couteau“: „Es wird ein BDSM Hotel werden, mit dem ich mir einen lang gehegten Traum erfülle. Sie müssen wissen, dass ich einige Jahre in der Stadt als Domina gearbeitet habe. Hochwürden weiß sicher allzu gut, dass es viele Sünder in der Stadt nach Vergebung verlangt. Manager, die selbst tagtäglich allerlei Grausamkeiten begehen müssen und Politiker deren Tagesinhalt die geschickte Lüge darstellt … all diese Menschen brauchen den Schmerz, um sich selbst fühlen zu können“.

Und nicht nur Männer zählten zu ihren Klienten, wie Juliette de Launay weiter ausführte und meinte, dass sie nun genügend Geld habe um ihr Hotel aufzubauen, an einem Ort der Entspannung in der Abgeschiedenheit des Landes verhieß.

Natürlich sei sie eine gute Katholikin, weswegen sie ab nun regelmäßig zur Beichte zu Jean-Baptiste Vianney kommen wollte. Denn Vergebung der Sünden durch die Leiden Christi sei nun einmal der Kern aller Dinge. Und im Grunde seien Jean-Baptiste Vianney und Juliette de Launay ja Wesensverwandte, indem sie jenen, die sich ihnen anvertrauten, die Möglichkeit gaben ihre Sünden zu bereuen und Buße zu tun.

Kein Wunder also, dass im Schutz des Beichtstuhls Juliette de Launay bald davon erfuhr, dass Jean-Baptiste Vianney ihrer Dienste wohl in gleichem Maße bedurfte, wie sie seiner.

Und als sie einer Einladung Jean-Baptistes folgend, mit ihm gemeinsam in den Keller hinabstieg, wo der frisch restaurierte „Chevalet de Douleur“ stand, willigte sie ein Jean-Baptiste bei seiner Buße zu unterstützen, wenn er im Gegenzug erlaubte einen kunstfertigen Schreiner den „Chevalet de Douleur“ kopieren und als zentrales Prunkstück in ihrem zukünftigen Hotel aufstellen zu lassen.

Jean-Baptiste sah das Fenster durch das er die Verzweiflung seiner Verbannung verlassen konnte, und ergriff die Gelegenheit welche Juliette de Launay ihm bot.

So kam es, dass Juliette de Launay mindestens einmal im Monat zur Beichte in die Kirche von Courcelles-sur-Meuse erschien. Angelehnt an ein Bild, welches sie einmal zufällig im Internet gefunden hatte, und auf dem eine junge Dame am Beichtstuhl kniend mit Peitsche in den Händen dargestellt war, erschien sie stets spät nach der Abendmesse in einem schwarzen Umhang, unter dem sie lediglich ein schwarzes Korsett, High Heels und schwarze Netzstrümpfe trug.

In dieser Aufmachung traf sie Jean-Baptiste in der Kirche am Beichtstuhl, wo nun er Juliette zunächst die Qualen seiner Seele offenbarte, und sie danach gemeinsam in den Keller des Pfarrhauses hinabstiegen um das Original des „Chevalet de Douleur“ in seiner jahrhundertealten Bestimmung zu benutzen.

Während in ihrem zukünftigen Hotel die Kopie des „Chevalet de DouleurGestalt annahm, wurde Juliette de Launay so zur irdischen Herrin von Jean-Baptiste Vianney, die ihm in Vertretung seines göttlichen Herrn seine Seelenqualen linderte.

 

Libertineros        2023, 2025

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